Im Reich der Giganten 

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27.6.2022

Am Morgen herrscht wieder schönes Wetter und wir starten den Tag geruhsam mit Kaffee.

Die Fahrspur endet dann bald an einer kleinen Freifläche von der ein Teil vor langer Zeit mit Fichten aufgeforstet wurde. Anschließend sehen wir nur noch selten die Andeutung eines Pfades und auch die Wegmarkierungen lassen zu wünschen übrig, so dass wir uns im Prinzip unsere eigene Route entlang des flachen Höhenrückens suchen. Zwar müssen wir manchmal umgestürzte Stämme umgehen und es gibt fast überall junge Buchen, dennoch ist der Wald gut begehbar. Je tiefer wir gelangen um so stärker nehmen Zahl und Durchmesser der Riesenbäume zu. Manfred Großmann, der Leiter des Nationalparks Hainich hatte mir bei meiner Deutschlandwanderung im letzten Jahr erzählt, dass es in Uholka in der Ukraine, dem größten Buchenurwald der Welt, im Schnitt 21 Bäume mit einem Durchmesser von mehr als einem Meter in 1,30 Meter Höhe vorhanden sind. Dieser Wert wird hier mit Sicherheit auch erreicht und teilweise wohl übertroffen!

Spuren von Wild sind sehr selten, aber zeitweise folgen wir einer Bärenfährte. Der Braune hat sich viel Zeit gelassen und intensiv im Laub rumgestöbert. An einer Stelle wird die Dichte der jungen Buchen höher und wir stellen fest, dass wir uns an der östlichen Grenze der Naturerbefläche befinden und außerhalb die alten Buchen vor etwa 10 Jahren abgeräumt wurden. Pufferzone geht anders!

Wir schlagen unser Lager im alten Buchenwald auf einem Plateau schon am frühen Nachmittag auf, kochen und brechen dann zu einem Abendspaziergang auf. 

Ganz in der Nähe ist eine Ulme in meiner Kartenapp eingezeichnet, die wir dann auch tatsächlich entdecken. Tatsächlich entdecken wir den Baum, der aber schon vor langer Zeit abgestorben ist. Schade, denn das war der größte Baum, den wir hier bislang entdeckt haben, mit einem Durchmesser von zwei Metern ein wahrer Gigant! In der Nähe können wir allerdings keine weiteren Ulmen entdecken, auch keine Jungbäume.

Während wir weiter am Hang entlang wandern, wird mir klar, dass das Bild, das oft vom Urwald gezeichnet wird, mit räumlich getrennten Altersphasen, hier nirgendwo zutrifft. Die Lücken sind stets sehr klein und größere Flächen, die aus katastrophalen Ereignissen wie Stürmen hervorgehen, haben wir nirgendwo gesehen. Statt dessen wachsen hier überall Bäume verschiedenen Alters und ungleicher Höhe direkt nebeneinander ebenso wie langsam zerfallende Giganten neben Aufsteigern stehen, die in das Kronendach vorstoßen wollen. So bleibt auch die „Badewanne“ des Holzvorrats stets etwa gleichmäßig gut gefüllt, statt wie im Wirtschaftswald nur halb voll zu sein, zwar mit hoher Einlassgeschwindigkeit, aber ebenso hohem Auslaufen, durch die Holznutzung, die den gebundenen Kohlenstoff meist schon nach kurzer Zeit durch Verbrennung wieder in die Atmosphäre entlässt.

Wieder zurück im Lager genießen wir noch die letzten Strahlen der Abendsonne unter den alten Baumriesen.


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